Rede zur Ausstellungseröffnung im Schloss Biesdorf am 8.8.2005

von Michael Hegewald

 

Wahrscheinlich summt noch der Strom durch die zittrigen Drähte, die, irgendwie provisorisch an die Masten geknüpft, zum Pavillon führen. Ein roter Rundbau aus Holz mit vielen Fenstern in alle Richtungen und drei Stufen zur Tür. Doch die Kette grüner Lampen an seinem Rand leuchtet schon lange nicht mehr. Auch gibt es kein Eis, Elado, Glace, Lody, Zmrzlina an der verschlossenen Klappe. Die sieben Todsünden der Langneseplakate auf dem Dach, vom Oktoberregen abgespült, verblassen. Links steht eine grüne Hütte in der Pfütze, sie trägt noch immer den ranzigen Duft hunderttausender Fritten, aber das Öl ist kalt. Im fahlen Licht eines kalten Morgens lässt der Kiosk daneben seine farbige Streifenbemalung aufglühen, als gäbe es da noch immer Sterne, Spiegel und Bunte Kuriere zu kaufen. Noch eben prahlte er mit seinem üppigen Tabakangebot und dem farbigen Badeplastikzeug. Jedoch die blinde, sich krümmende Lampe auf seinem Dach lässt keine Illusionen zu: it`s all over now - rien ne va plus - Nachsaison.

 

Meine Damen und Herren, damit beschrieb ich ein kleines Gemälde von Rüdiger Koch, das er mir vor etwa einem halben Jahr schenkte.

 

Viele der Plätze und Straßen, Höfe, Ufer und Parks, die sich in den Bildern von Rüdiger Koch einfinden, atmen etwas von dieser herbstlichen Melancholie verlassener Orte mit all ihren Rudimenten menschlichen Daseins in der hellen Jahreszeit: die hoffnungsvollen Aufbrüche in junge Tage, die Zusammenkünfte und Treffen verschiedener Art, das Schieben und Drängeln; Flanieren und Ruhen, die lärmenden Vergnügungen, die Trunkenheit und die heißen Abende. Was bleibt, ist die Erzählung.

 

Damit aber ist nur eine Facette von Rüdiger Kochs Malerei benannt, dessen Ausstellung heute im Schloss Biesdorf eröffnet wird. Ein großer Teil seines Schaffens speist sich aus der unmittelbaren Begegnung des gebürtigen Gothaers mit seiner Wahlheimat Berlin. Berlin, diesem, wie Günther de Bruyn es nannte, Sammelsurium größenwahnsinniger Dörfer. Auf seinen Streifzügen durch die Stadt, vor allem in Prenzlauer Berg und Pankow, muss er nicht suchen, um der kuriosen Poesie und den wuchernden Zufällen großstädtischen Zusammenlebens zu begegnen.

 

Rüdiger Koch zeichnet mit der Feder oder der Kohle vor Ort, findet stille Sportplätze zwischen Garagen, Giebel mit Blick ins Abendleuchten, lastende Wolkenbänke kurz vor dem Erguss. Die Herkunft des Malers als diplomierter Landschaftsgestalter offenbart sich, wenn er aus Stachelbüschen, kubischen Bäumen und der Pappel, dieser „preußischen Zypresse“

imaginäre Parks aus eigenem Entwurf erschafft. Die Zeichnung bei Koch tritt sehr atmosphärisch auf im Spiel mit gewittrigem Leuchten an Fassadenkanten, langen, schrägen Schatten, die sich über die Plätze ziehen und dynamischen Wolkenstrukturen.

 

In langen Versuchsreihen klärt er kompositorischen Bau und Lichtführung, gruppiert die Giebeldreiecke, Bäume, Masten und Lampen in vielfachen Varianten, bis er die Acrylbilder in Angriff nimmt. Die Malerei von Rüdiger Koch speist sich aus einer schieren Unmenge derartiger Zeichnungen. Es ist dieser Arbeitsprozess, der bewirkt, dass sich in seinen Bildern ein größerer Grad der Abstraktion einstellt. Der Ausdruck wird fester im Bau und sortierter in der Auswahl. Die Acrylmalerei mit ihren kurzen Trocknungszeiten und der Notwendigkeit der Schichtung der Farbflächen verlangt ein relativ hohes Potential der Bildplanung. In den letzten zwei Jahren konnte ich beobachten, dass sich in der Malerei von Rüdiger Koch nicht nur eine Souveränität der bildnerischen Fähigkeiten manifestiert, sondern dass die Farbe befreiter und dominanter als bisher auftritt.

 

 

In diesen gemalten Veduten Berlins ist die Hinwendung zu den unbeschriebenen und ungeplanten Orten signifikant. Koch führt uns zu den nicht beachteten Plätzen, den ruhigen oder chaotischen Brachen und den nachlässig genutzten Wegen, zeigt uns die überraschenden Durchblicke und unbebauten Straßenecken, in denen sich Wildwuchs breit macht und die ihre Existenz der einen oder anderen Luftmine des letzten Krieges verdanken.

 

Eine besondere Kraft entsteht mitunter durch die Auswahl der Tageszeiten, die uns in seinen Stadtlandschaften begegnen, die Momente, wo längst Vertrautes oft verändert auftritt in einer traumähnlichen Leere: die Leere eines Industriehofs am Sonntagmorgen, die Leere der Parks am Abend oder die Leere nach dem Fest beim Nachhauseweg durch die schlafende Stadt in der Morgendämmerung....

 

Wenn Sie die Bilder auf sich wirken lassen, werden sie aber feststellen, dass es nur über diese scheinbare „Leere“ möglich wird, die feine erzählerische Substanz freizulegen. 

Diese wird vorrangig durch die bildnerischen Attribute bestritten und durch die Verschiebung von Bedeutungsschwerpunkten: skurrile Verkehrspfeile weisen in die Irre und Gruppen von Schornsteinen versammeln sich auf den Dächern, jäh aufragende Beleuchtungsmasten stecken ihre Nasen in orangefarbene Himmel und Balkone lehnen sich waghalsig weit hinaus. Lässt man sich ein auf die narrative Vielfalt dieser surrealen Miniaturerzählungen in der Weite der Räume, wird man an die Meister der Pittura Metafisica erinnert.

 

Rüdiger Koch zeigt hier nur einen Teil, eine Richtung seines Werkes. In anderen Kollektionen werden Sie seine italienischen Landschaften sehen können, seine „Stadtmaschinen“ in Gestalt der überall pilzartig aufschießenden Konsumtempel, seine Aktzeichnungen und Portraits.

 

Hier aber bleiben wir in Berlin !

 

Meine Damen und Herren, unzweifelhaft werden Sie in dieser Ausstellung auf Bekanntes und Erlebtes treffen. Vielleicht aber werden sich danach Ihre Gänge durch die Stadt verändern, werden Sie neue und andere Dinge sehen.

 

Ich wünsche also Ihnen, liebe Gäste, neue Spaziergänge durch Berlin und Dir, lieber Rudi, viel Erfolg mit dieser Ausstellung

 

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