Rede zur Ausstellung in der Remise degewo, 12.1.2010

von Michael Hegewald

 

..........Viele der Plätze und Straßen, Höfe, Ufer und Parks, die sich in den Bildern von Koch einfinden, atmen etwas von dieser herbstlichen Melancholie verlassener Orte mit all ihren Resten und Erinnerungen menschlichen Daseins aus der hellen Jahreszeit: die hoffnungsvollen Aufbrüche in junge Tage, die Zusammenkünfte und Treffen, das Urlaubstreiben, Flanieren und Ruhen, die lärmenden Vergnügungen, die Trunkenheit und die heißen Abende. Was bleibt, ist die Erzählung.

 

Ein großer Teil seines Schaffens speist sich aus der unmittelbaren Begegnung des aus Gotha stammenden Malers mit seiner Wahlheimat Berlin. Berlin, diesem, wie Günther de Bruyn es nannte, Sammelsurium größenwahnsinniger Dörfer. Auf seinen Streifzügen durch die Stadt, vor allem in Prenzlauer Berg und Pankow, muss er nicht suchen, um der kuriosen Poesie und den wuchernden Zufällen großstädtischen Zusammenlebens zu begegnen. Koch führt uns zu den nicht beachteten Plätzen, den ruhigen oder chaotischen Brachen und den nachlässig genutzten Wegen, zeigt uns die überraschenden Durchblicke und unbebauten Straßenecken, in denen sich Wildwuchs breit macht und die bis heute ihre Existenz der einen oder anderen Luftmine des letzten Krieges verdanken.

Aber auch auf seinen zahlreichen Reisen zeigt sich die Hinwendung zu den unbeschriebenen und ungeplanten Orten. Auch hier sucht und findet er das Stehengelassene, Rudimentäre, Gestrandete.

 

Rüdiger Koch zeichnet mit der Feder oder der Kohle vor Ort, findet stille Sportplätze zwischen Garagen, Giebel mit Blick ins Abendleuchten, lastende Wolkenbänke und lange, schräge Schatten, die sich über die Plätze ziehen. Die Herkunft des Malers als diplomierter Landschafts-gestalter offenbart sich, wenn er aus Stachelbüschen, kubischen Bäumen und Zypressen imaginäre Parks erschafft. Dabei tritt die Zeichnung bei Koch sehr atmosphärisch auf. In langen Versuchsreihen klärt er kompositorischen Bau und Lichtführung, gruppiert die Giebeldreiecke, Bäume, Masten und Lampen in vielfachen Varianten, bis er die Acrylbilder in Angriff nimmt.

 

Die Malerei von Rüdiger Koch wird durch eine Menge dieser Zeichnungen vorbereitet. Es ist dieser Arbeitsprozess, der bewirkt, dass sich in seinen Bildern ein größerer Grad der Abstraktion einstellt. Der Ausdruck wird fester im Bau und sortierter in der Auswahl. Ausserdem verlangt seine Art der Acrylmalerei mit ihren kurzen Trocknungszeiten und der Notwendigkeit der Schichtung der Farbflächen ein relativ hohes Maß an Bildplanung.   

 

Eine besondere Kraft entsteht durch die Auswahl der Tageszeiten, die uns in seinen Landschaften begegnen, die Momente, wo längst Vertrautes oft verändert auftritt in einer traumähnlichen Leere: die Leere eines Industriehofs am Sonntagmorgen, die Leere der Parks am Abend oder die Leere nach dem Fest beim Nachhauseweg durch die schlafende Stadt in der Morgendämmerung

 

Wenn Sie die Bilder auf sich wirken lassen, werden sie aber feststellen, dass es nur über diese scheinbare „Leere“ möglich wird, die feine narrative Substanz freizulegen.  Diese wird vorrangig durch die bildnerischen Attribute bestritten, deren filigrane und mitunter illustrative Erzählung unter Verschiebung von Bedeutungsschwerpunkten erfolgt: skurrile Verkehrspfeile weisen in die Irre und Gruppen von Schornsteinen treten zu einer Versammlung auf dem Dach zusammen, jäh aufragende Beleuchtungsmasten stecken ihre Nasen in orangefarbene Himmel und Balkone lehnen sich waghalsig weit hinaus.

 

Mir gefallen jene Kompositionen besonders, die sich aus Entdeckungen von ganz verschiedenen Orten zusammensetzen, wo italienische Häuser wie Schiffe am Strand auffahren, ihr brüllendes Kobalt mit heftigem Himmelstürkis karamboliert, davor aber Strandkörbe aus Heringsdorf stehen, oder wo ein Haus voller vergitterter Balkone, übersät mit Parabolantennen wie im Wedding zu einer Geheimdienstzentrale mitten in der Wüste mutiert. oder wo sich Pankower Vorstadtlager und polnische Provinzkinos auf marokkanischem Sand treffen.

 

Ich wünsche Ihnen, meine Damen und Herren, beim Gang durch diese Ausstellung viel Anregung und Freude und Dir lieber Rudi, viel Erfolg !

 

 

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© Rüdiger Koch 2018